"Was man von hier aus sehen kann" von Mariana Leky

Der allererste Eintrag in meinem brandneuen Blog gilt einem Roman, der dieser Ehre sehr würdig ist:

"Was man von hier aus sehen kann" ist nämlich ein wunderbares Buch, mein absolutes Lieblingsbuch in diesem Jahr! Als ich anfing, dieses Buch zu lesen, hatte ich eigentlich was ganz anderes geplant für den Tag. Ich wollte nur mal kurz hineinblättern. Und dann, 50 Seiten später, war mir klar, dass eine gute Tagesplanung auch immer aus Flexibilität besteht. 

In den nächsten Tagen habe ich Rotz und Wasser geheult und viel gelacht. Vollkommen untypisch für mich. Ich schätze es eigentlich gar nicht, wenn mich Bücher zum Weinen bringen und bin eher eine "kühle" Leserin. Ich mag Sätze für den Kopf und nicht fürs Herz. Tja, hier gibt es beides. Sehr kluge Sätze und sehr emotionale Szenen.

 

"Elsbeth deutete auf das Efeu. ‚Ich will das Zeug eigentlich abschneiden, aber eigentlich auch nicht’, murmelte sie. Die Gartenschere lehnte am Stamm des Apfelbaums. ‚Und was spricht dagegen?’, fragte ich. ‚Efeu ist manchmal ein verzauberter Mensch’, erklärte Elsbeth, ‚und wenn er als Efeu die Baumkrone erreicht hat, ist er erlöst.’ ‚Apropos Aberglauben’, begann ich. ‚Die Frage ist jetzt’, sagte Elsbeth, ‚erlöse ich den Menschen oder den Baum?’ Das Efeu umrankte bereits den oberen Teil des Stammes. ‚Ich würde mich für den Baum entscheiden’, sagte ich. ‚Wenn es ein Mensch ist, ist er ja schon über die Hälfte erlöst. Das ist mehr, als man von uns allen sagen kann.’"

 

Selma, eine ältere Dame aus einem Dorf im Westerwald, träumt manchmal von einem Okapi. Ein Okapi ist ein abwegiges Tier. Eine wilde Mischung aus Zebra, Giraffe, Reh und Maus, das ist ebenso unwahrscheinlich wie die Tatsache, dass immer ein Mensch aus dem Dorf stirbt, wenn Selma im Traum ein Okapi getroffen hat. Aber Unwahrscheinlichkeiten können wahr werden, denn so ist das Leben nun einmal. Davon und von Liebe in all ihren Facetten handelt dieser wunderbare Roman, der sehr viele Leser finden wird und all diese glücklichen Menschen, die ihre (erste) Lektüre noch vor sich haben, sehr sehr froh machen wird.

 

„Wenn ich unten bei Selma schlief, erzählte sie mir am Bettrand Geschichten mit guten Enden. Als ich kleiner war, hatte ich nach den Geschichten immer ihr Handgelenk umfasst, meinen Daumen  auf ihren Puls gelegt und mir vorgestellt, dass die ganze Welt alles im Rhythmus von Selmas Herzschlag tat.“

 

Es gibt viel zu entdecken in diesem wunderbaren Roman. Jeder Dorfbewohner hat seine ganz besondere Schrulligkeit. Der Optiker, der einer geheimen, allseits bekannten Leidenschaft frönt. Selma, die ein Faible für Mon Cheri hat und Rudi Carrell ähnelt. Die ewig schlecht gelaunte Marlies, die eine ganz außergewöhnliche Alltagskleidung trägt. Die abergläubische Elsbeth, die gegen alle möglichen Schicksalsschläge ein Mittelchen kennt, aber nicht an die Wirkungskraft von Sternschnuppen glaubt. Der Vater, der gern außergewöhnliche Geschenke macht, etwa einen Irischen Wolfshund in Standardpudelgröße. Und schließlich Luise, aus deren Perspektive hauptsächlich erzählt wird, die ich nach der Lektüre dieses Buches nun so gut kenne, als hätte sie nicht ins ferne Japan 700 Briefe geschrieben, sondern mir.

 

In unserer Buchhandlung ist dieser Roman unser Geheimtipp geworden, wir haben es in gigantischen Stückzahlen verkauft und bisher nur positives Feedback bekommen. Es ist in ganz Deutschland Buchhändlers Liebling. Vielleicht wird das Okapi-Buch Lieblingsbuch der unabhängigen Buchhandlungen? Ich drücke Mariana Leky die Daumen.

 

DuMont Buchverlag 2017, € 20,00.

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