"Moralische Unordnung" von Margaret Atwood

Dieses Buch erzählt in locker zusammenhängenden Geschichten von Nell. Wir lernen sie als Kind kennen, verfolgen ihre Erinnerungen an Schulzeit und Lehrerin, erfahren von ihrer kranken Schwester, vom Erwachsenwerden, von ihrer Beziehung zu dem verheirateten Tig, vom beschwerlichen Leben auf dem Land und vom Alterungsprozess der Eltern.

 

Das Buch scheint einen ziemlich hohen Anteil autobiographischer Skizzen aus Margaret Atwoods Leben zu beinhalten. Eine schöne Möglichkeit, ihre Themen und ihre Schwerpunkte kennenzulernen. Es gibt einige große und berühmte Romane von ihr, die viel häufiger gelesen werden als "Moralische Unordnung". Trotzdem hat dieses Buch seinen Reiz, nicht nur wegen des autobiographischen Gehalts, sondern auch, weil es ungewöhnlich geschrieben ist. 

Ich mag es, wenn ein Buch einen überraschenden Stil hat. Einen Stil, der sich mir nicht direkt erklärt und der mich zum Mitdenken zwingt. Klar, Schmöker sind auch prima, aber den meisten Spaß habe ich mit einem Buch, das mich mit einbezieht, wo ich selbst Lücken füllen kann und muss.
Dieses Buch ist auf jeden Fall so eines, das mich auffordert, mich mit ihm zu beschäftigen. Das Besondere: Dies ist kein Roman, wie der Berlin Verlag zu etikettieren beliebt, sondern eine Sammlung locker zusammenhängender Episoden. Der rote Faden ist die Hauptfigur, die zunächst in der Ich-Form erzählt, später wechselt die Erzählhaltung dann in die dritte Person. Das hat mich zunächst ziemlich irritiert. Eine schlauere Leserin als ich hat mir diesen Perspektivwechsel so erklärt, dass Nell sich von außen zu betrachten scheint, sowie sie ihren Tig hat. Dass sie sich quasi mit ein bisschen Abstand anschaut, wie sich diese Nell allen fremden Plänen und Erwartungen unterordnet und nicht aufbegehrt. Ein kluger Gedanke, denn tatsächlich ist da ein Bruch zwischen der unangepassten Nell in Kinder-, Jugend- und jungen Erwachsenenjahren und der Nell, die sich in eine unbefriedigende Beziehung fügt und sich so in einer Umgebung wiederfindet, die unpassend erscheint. 
Ein krasser Bruch nicht nur hinsichtlich des Perspektivwechsels, sondern auch in der Lebensweise und der Art, wie Nell sich an fremde Prioritäten anpasst. Frauenrollen und Geschlechterverhältnisse sind in diesem Buch ein wichtiges Thema. Doch es wäre falsch, hier die Beschreibung einer unterdrückten Frau zu sehen. Denn Männer kommen in diesem Buch zwar vor, aber sind merkwürdig unauffällig und tauchen nur im Hintergrund auf. Und Nell kommt mir trotz ihrer Unterordnungsbereitschaft clever vor und wie eine Frau, die die Fäden in der Hand hält.
Trotz aller Schwierigkeiten, die sich durch den Perspektivwechsels ergeben können, halte ich dieses Buch für absolut empfehlenswert, denn es finden sich hier einige intensive Beschreibungen. Margaret Atwood erfasst feinste Nuancen im zwischenmenschlichen Miteinander, das ist schon sehr beeindruckend.

Im Oktober 2017 erhält Margaret Atwood den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Eine guter Anlass, diese Autorin zu entdecken.

Berlin Verlag 2009, € 10,99.

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