10 Bücher für eine Reise durch die "Recherche" - Proust lesen leicht gemacht

Seit zweieinhalb Jahren lese ich "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit" - ein Mammutwerk in sieben Bänden, das viele abschreckt wegen seines Umfangs und weil es in dem Ruf steht, ein heftiger Hardcore-Klassiker zu sein.

 

Ich möchte hier eine Lanze brechen für Proust. Er ist sehr gut lesbar. Vorausgesetzt, Ihr kommt mit Sätzen klar, die auch mal über eine halbe Seite gehen. Das ist aber gar nicht so schlimm, ist eine reine Gewöhnungssache. Wenn Ihr Euch darauf einlasst, werdet Ihr nach diesem Romanzyklus ein anderer Mensch sein. Ihr werdet andere Ansprüche an Geschriebenes haben, Ihr werdet immer Qualität wollen. Und Ihr werdet in vielen alltäglichen Dingen Proust wiederfinden, denn alle Facetten, die das Gefühlsleben zu bieten hat, hat dieser seltsame Franzose schon längst vor 1oo Jahren beschrieben.

 

Jetzt denkt Ihr wahrscheinlich, klar, und weil das so toll ist, liest sie das seit .. äh... zweieinhalb Jahren? Ja, das ist tatsächlich ein wunder Punkt! Ich schaffe es leider nur häppchenweise, mich mit Marcel zurückzuziehen. Denn als Buchhändlerin fehlt mir perverserweise die Zeit (!), mich intensiv mit einem Klassiker zu befassen. Ich muss (und will) zumindest ansatzweise über die Neuerscheinungen informiert sein und lese deshalb meistens Bücher, die höchstens ein paar Monate alt sind.

 

Das Tolle an Proust: ich kann jederzeit wieder einsteigen. Auch nach Wochen weiß ich noch ganz genau, wo ich war und was gerade passiert ist. Das liegt an dem ganz speziellen Erzählstil in diesem Roman (der manchmal auch zu diesen laaaaangen Sätzen führt). Menschen und Situationen werden extrem "dicht" beschrieben. Wie detaillierteste Bilder stehen kurze, flüchtige Momente vor mir ausgebreitet in einer wahnsinnigen Intensität. Proust lesen spricht wirklich alle Sinne an. Ich bin dabei, nicht nur passive Leserin. Ich fühle, schmecke, sehe, rieche alles, was Marcel (der Ich-Erzähler) fühlt, schmeckt, sieht und riecht.

 

So eine dichte Sprache ist natürlich voller Anspielungen und Querverweise. Da blickt man allein kaum durch. Muss aber auch gar nicht sein, denn der Kosmos von Guermantes und Co. ist von gemügend ForscherInnen und begeisterten LeserInnen erschlossen worden. Besonders hilfreiche Begleiter für die Proust-Lektüre stelle ich Euch hier vor.


Schmidt liest Proust (Jochen Schmidt)

Mein Favorit. Jochen Schmidt, selbst Schriftsteller, liest täglich zwanzig Seiten "Recherche" und führt ein Lesetagebuch. Praktisch, weil es den Roman in eigenen Worten zusammenfasst und strukturiert. Dadurch wird manches klarer. Viel Spaß machen kurze, wiederkehrende Kategorien wie "Bewusstseinserweiternde Bilder",  "Unklares Inventar" und die Beispiele für "Verlorene Praxis" ("Mit einem neuen Gespann seine Mätresse auf den Champs-Eysées treffen" ). Witzig und originell.

 

Mein liebster Begleiter. Schrumpft eine vermutlich zunächst vorhandene Schwellenangst gegenüber der "Recherche" auf ein Minimum. Gleichzeitig eine großartige Verneigung vor einem großartigen Werk:"Man könnte sagen, dass man nicht sterben sollte, ohne Proust gelesen zu haben. Aber in Wirklichkeit ist man dann noch gar nicht geboren."


Marcel Proust Enzyklopädie (Hrsg. Luzius Keller)

Ich habe fast Skrupel, dieses Buch vorzustellen, denn es ist vergriffen und wird derzeit nur für sehr viel Geld antiquarisch angeboten. Ich hatte vor zwei Jahren, als es bereits nicht mehr lieferbar war, noch Glück bei der Lengfeld'sche Buchhandlung in Köln. Dort gibt es einen gewaltigen Fundus an Sekundärliteratur zu Proust und eine sehr kompetente Beratung. Wer weiß, vielleicht warten dort ja noch ein paar Exemplare dieses Handbuchs.

 

Egal nach welchem Begriff, nach welcher Person, nach welchem Ort oder nach welchem übergeordneten Topos zum Werk Ihr sucht: Ihr werdet es in diesem anbetungswürdigen Buch finden. Ich liebe es. Es ist von DEM Proust-Forscher schlechthin herausgegeben und sollte Euch nicht fehlen!


Das Marcel Proust Lexikon (Philippe Michel-Thiriet)

Auch vergriffen, aber antiquarisch zu erschwinglichen Preisen erhältlich. Lexikalischer Aufbau in verschiedenen Themenblöcken.

 

Besonders gut gefällt mir der Teil, der ein nützliches und sehr genaues Lexikon der Personen und Orte in der "Recherche" bietet. Gerade bei den Personen könnt Ihr nämlich leicht den Überblick verlieren. Kaum zu glauben, aber hier ist nahezu jedes Auftreten jeder Personen dokumentiert.

 

Eine gute Ergänzung zum blauen Lieblingshandbuch, oder aber ein toller Trost, wenn Ihr die Enzyklopädie von Luzius Keller noch nicht auftreiben konntet.


Marcel Proust's Search for Lost time (Patrick Alexander)

Gibt es nur auf Englisch. Bietet eine gut strukturierte Zusammenfassung des Geschehens und eine hilfreiche, knappe Interpretation. Dabei hält sich der Autor mit seiner eigenen Meinung stark zurück und gibt lediglich eine einfühlsame, vorsichtige Einordnung des Werks.

 

Im zweiten Teil gibt es ein "Who is Who" (davon kann man bei Proust nicht genug haben, glaubt mir) und im dritten Teil dann einen Überblick über Prousts Leben sowie größere Zusammenhänge in der zeitgenössischen Politik, Kultur und Gesellschaft.


Marcel Proust in Bildern & Dokumenten (Patricia Mante-Proust / Mireille naturel)

Bildband.

Was Hübsches für zwischendurch.

 

ProusterianerInnen werden beim Durchblättern spitze Schreie ausstoßen, denn hier gibt es Fotos der (DER!) Weißdornhecke, von Balbec und von der Laterna Magica. Wunderschön.


Prousts Figuren und ihre Vorbilder (William Howard Adams)

Ein ganzes Buch, das sich den Personen in der "Recherche" widmet.

 

Marcel Proust hatte viele lebende Personen vor Augen, als er die "Recherche" mit so legendären Charakteren wie Charles Swann, der Herzogin von Guermantes und Odette de Crécy füllte. In diesem Buch werden die realen Vorbilder abgebildet und ihr Leben kurz beleuchtet. Dazu werden die Personen des Romans und ihre komplexen Beziehungen noch einmal beschrieben.

 

Nicht so supergenau wie das Lexikon von Michel-Thiriet, aber eine schöne Ergänzung.


Proust-ABC (Ulrike Sprenger)

Auch vergriffen, immerhin antiquarisch erschwinglich. Was ist bloß los mit den deutschen Verlagen? ;-)

 

Ein kurzes Lexikon mit einer eher intuitiven Wahl der zu behandelnden Begriffe als dem Anspruch auf Vollständigkeit. Teils lakonische, teil sehr unterhaltsame, jedenfalls immer lesenswerte Erläuterungen in einer subjektiven Themenauswahl.


Marcel Proust und die Gemälde aus der Verlorenen zeit (Eric Karpeles)

WAR mal vergriffen, ist aber wieder aufgelegt. *Applaus*

 

In der "Recherche" werden viele Gemälde erwähnt, die der Beschreibung von Szenen und Personen dienen. Hier sind sie zusammengestellt. Eine schöne, visuelle Art, die Proust-Lektüre zu begleiten.


Die Bibliothek des Monsieur Proust (Anka Muhlstein)

In diesem Buch geht es um Marcel Proust, seine Freundschaften, seine Sorgen und das, was ihn prägte.

 

Gleichzeitig schreibt Anka Muhlstein eine tolle, sehr unterhaltsame Einführung in die "Recherche" und schafft es vollkommen unangestrengt, aus beiden Themenkomplexen, die sonst meistens geteilt präsentiert werden, eine logische Einheit zu machen.

 

Sie ist eine der besten Sachbuchautorinnen, die ich kenne. Logisch, dass sie auf meine Liste der Proust-Must-Haves kommt.


Kleine Geschichte der Dritten französischen republik (Jens Ivo Engels)

Ein bisschen historischer Background zu der zeitgenössischen Welt von Marcel Proust.


Habt Ihr noch Tipps für mich, fehlt mir etwa ein wichtiges und informatives Buch zu Proust? Das wäre schrecklich. Oder lest Ihr gerade Proust und wollt mir Eure Eindrücke erzählen? Schreibt mir, ich freue mich.

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