"Havarie" von Merle Kröger

Auf dem Mittelmeer ist viel Verkehr! Ein Schlauchboot mit algerischen Flüchtlingen hält auf die spanische Küste zu, wird von der Küstenwache gejagt. Es havariert. Das Schicksal der Menschen an Bord scheint besiegelt, denn obwohl es in Sichtweite eines Luxusliners vor sich hin dümpelt, kommt ihnen von diesem Schiff aus niemand zu Hilfe. Doch dann gerät die Szene unerwartet in Bewegung...

 

Ich hasse es, wenn Bücher in Rezensionen gespoilert werden, und ich werde auch nichts mehr zum Inhalt erzählen. Was früher mal krasse Literaturkritik war, ist heutzutage meistens nur noch eine stumpfe Inhaltsangabe. Kaum ein Feuilleton, das es anders handhabt. Ärgert Ihr Euch auch, dass Ihr nach so einer Rezension oft das Buch eigentlich nicht mehr lesen müsst, denn Euch wurde ja bereits alles verraten? Deshalb von mir nichts weiter zur Handlung, denn ich will Euch nicht das Lesevergnügen verderben. Lest dieses Buch, unbedingt! Die Story ist ungewöhnlich, habt Ihr so noch nicht gelesen, versprochen. 10 von 10 Punkten.

 

Dieser Krimi ist Kriminalliteratur, wie ich sie mir wünsche. Ein politisches Thema, gesellschaftliche Missstände, sozialpsychologisches Gemenge aus unterschiedlichsten persönlichen Schicksalen und Interessen - wenn Krimis aus diesen Zutaten bestehen, können sie meiner Meinung nach eigentlich nur gut sein. Sjöwall / Wahlöö lassen grüßen.

 

Schön finde ich die Multiperspektivität. Das scheint ein postmoderner Trend zu sein. Viele Romane, die ich in letzter Zeit gelesen habe, verzichten darauf, sich auf eine einzige Perspektive festzulegen, sondern bevorzugen viele Perspektiven und manchmal sogar Vielstimmigkeit. Polyphon ist dieser Krimi nicht, denn viele Stimmen im wörtlichen Sinn gibt es hier nicht. Es gibt durchgängig einen Erzählton, wenn auch aus verschiedenen Perspektiven. Die einzelnen Charaktere weisen weder ein eigenes Idiom auf noch sonstige besondere Unterscheidungsmerkmale hinsichtlich des Erzähltons. Wäre "Havarie" polyphon, würde ich den Text ein bisschen literarischer und noch besser finden. Aber dass er das nicht ist, ist nicht so schlimm. So ist der Ton eher sachlich als poetisch, und das passt auch gut zum Inhalt. Die vielen Figuren kommen aus allen möglichen Ecken der Welt, viele globalen Konflikte der letzten Jahre schimmern durch. Die Besatzung des Kreuzfahrtschiffs ist ein bunter Mix aller möglichen Kulturen und zeigt sinnbildlich, wer die Gewinner und wer die Verlierer der Globalisierung sind.

 

Was ich auch mag: die szenische Gestaltung. Man wechselt zwischen den verschiedenen Schauplätzen und folgt den vielen Figuren. Ich habe oft an eine Kamerafahrt denken müssen, was auch naheliegt, weil Merle Kröger nicht nur Krimis schreibt, sondern außerdem engagierte Dokumentarfilmerin ist. So drehte sie zunächst den Film "Revision" und schrieb dann aus dem Recherchematerial ihren Krimi "Grenzfall", der den Deutschen Krimi Preis 2013 gewann. "Havarie" hat 2016 immerhin den zweiten Platz bei diesem Wettbewerb geholt.

 

Auch zu "Havarie" gibt es einen (gleichnamigen) Film von Merle Kröger und Philip Scheffner, der auf einem dreiminütigen Youtube-Video basiert. Ein Kreuzfahrt-Passagier hatte ein manövrierunfähiges Flüchtlingsboot gefilmt. Man findet diesen filmenden Passagier im Roman wieder und das ist das Dritte, was ich an diesem Buch mag: seinen dokumentarischen Wert. Viele Krimi-Autoren liefern sich einen abartigen Wettkampf, wer die perverseren Ideen hat, wer sich das voyeuristischere, menschenverachtendere Gequäle ausdenkt und wem die absurderen Begründungen einfallen, warum einer Sadist wird. Andere Krimi-Autoren, wie Merle Kröger, haben das nicht nötig. Sie schauen einfach nach draußen und schreiben über die Realität.

 

So ist das Buch trotz meiner kleinen Kritik zur verpassten Chance, mit Polyphonie zu punkten, einer der besten Krimis, den ich in letzter Zeit gelesen habe. Wegen des Inhalts und des sorgsamen Aufbaus. Bücher, die auch nach dem Lesen weiter wirken, sind gute Bücher. Ich habe nun, nach der Lektüre, das Gefühl, ein bisschen besser verstehen zu können, was in Europa und der Welt gerade abgeht. Vor allem müsste dieses Buch bei jedem noch so kaltherzigen Typen Respekt und Mitgefühl für die Schicksale von Geflüchteten wecken. Das kann man heutzutage gar nicht wertvoll genug finden.

 

Ariadne Kriminalroman im Argument Verlag 2015, € 15,00.

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