„Eine Frage der Erziehung“ von Anthony Powell

 

In England schon 1951 erschienen und ein Klassiker. In Deutschland fast in Vergessenheit geraten, wurde dieser grandiose Roman 2015 vom unabhängigen Elfenbein Verlag in einer wunderbaren Übersetzung herausgebracht. Dem Verlag kann man dafür gar nicht genug danken. Nun kommen nach und nach alle Teile des insgesamt zwölfbändigen Zyklus „Ein Tanz zur Musik der Zeit“ bei dtv im Taschenbuch-Format heraus. Endlich. Dieser erste Band ist sehr vielversprechend und lässt auf viele wunderbare Stunden voller Lesevergnügen hoffen.

  

Nick Jenkins heißt die Hauptfigur dieses schillernden Gesellschaftspanoramas. Der Roman beginnt in medias res, nämlich mit einer Assoziationskette, wie sie uns noch öfter in dem Werk begegnen wird. Der Ich-Erzähler beobachtet Straßenarbeiter. Das erinnert ihn an ein Gemälde von Poussin - von dem sich Powell den Titel und Thema für sein Werk geliehen hatte. Munter wird weiter assoziiert: Vom Gemälde, das den Tanz der Jahreszeiten zeigt, zu den Menschen, die während ihres Lebens dem Zeitlauf ausgeliefert sind, stets nach außen gewandt, sich beim Tanz in unsicheren Bewegungen scheinbar sinnlos drehen - ein erstes Wow bei mir.  

Dieses Gedanken wiederum erinnern den Ich-Erzähler daran, wie er einmal einen Schulkameraden auf seinem einsamen winterlichen Dauerlauf beobachtete. Sprung zur Schule. Das Gebäude, die Atmosphäre, der Schulalltag. Gedankensprung zu Schulfreunden, Sprung zu bestimmten kurzen Situationen, schließlich Gedankensprung zu einem ausführlich beschriebenen üblen Streich. Diese Assoziationen haben mich zunächst etwas überfordert. Aber als ich mich darauf eingestellt hatte, dass ich hin und wieder ungefiltert in die Erinnerungswelten des Nick Jenkins hineingeworfen werde, kam ich sehr gut mit diesem Buch zurecht. Der Roman besteht im Grunde aus einzelnen, nur grob miteinander verbundenen Episoden, die aber jede für sich ausreichend Handlung bieten, um mit Hingabe in dieser Welt der 1920er Jahre zu versinken. Ich habe schnell begonnen, das Buch aus vollem Herzen zu lieben.

 

Das liegt nicht zuletzt an dem ausführlich beschriebenen Personal. Man sieht diese Leute förmlich vor sich: den sarkastischen Stringham, den netten Farebrother, den promigeilen Sillery. Besonders freue ich mich über die sprechenden, teilweise zweideutigen Namen. So etwas kriegt nur jemand hin, der richtig gut schreiben kann. Kniefall vor Powell!

 

Und schreiben kann er wirklich. Da sind einige Szenen in dem Buch, die ich nicht so schnell vergessen werde. Urkomisch sind etwa Jimmy Striplings Wutausbrüche, wenn Wörter wie "Krieg" oder "Somme" fallen. Denn sein eigener Beitrag zum Ersten Weltkrieg war von ganz besonderer Art, was ihn nach eigener Auffassung scheinbar in hoffnungslose Konkurrenz zu Kriegsteilnehmern treten lässt. Herrlich!

 

Der Zyklus wird oft mit „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ verglichen. Das gibt zwar einerseits eine bestimmte Richtung an, was hier für ein Text zu erwarten ist. Andererseits gibt es so große Unterschiede im Schreibstil, dass jeder Vergleich mit Marcel Proust hinkt.

Eine auffällige Gemeinsamkeit ist zum Beispiel die Konzentration auf ein ähnliches Personal, nämlich die gehobenen Gesellschaftsschichten. Und natürlich der Versuch, Erinnerung und Assoziationen literarisch umzusetzen. Aber das war es dann eigentlich auch schon. Powell beschreibt längst nicht so ausufernd wie Proust, sondern konzentriert und episodenhaft. Er ist im Grundton nicht träumerisch, sondern nüchtern und in der Grundhaltung wohl eher bissig als wehmütig.

Mir gefällt dieser Zyklus sehr gut! Ich freue mich auf die vielen Fortsetzungen und bin sehr froh, dass ich trotz Anlaufschwierigkeiten durchgehalten habe. Dieses Buch hat mich aus einer Lesekrise befreit - tagelang hatte ich keinen anständigen Roman in der Hand, ich war schon völlig verzweifelt. Dann kam Powell. Es ist immer gut, ein paar Klassiker auf Reserve zu haben.

Du bekommst das Buch in Deiner Buchhandlung. ♥

 

dtv 2017, € 10,90 - oder die sehr schöne, hochwertige, gebundene Ausgabe bei Elfenbein (€ 22,00).

 

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